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Tagestour nach Anamur

Ein Kleinbus stand pünktlich um neun Uhr vor unserem Hotel am Incekum-Strand. Helma (eine Urlaubsbekanntschaft aus Holland) und ich stiegen ein. Und schon ging es ab in Richtung Alanya. In Konakli nahmen wir noch vier Passagiere auf. Als wir uns schon freuten, nur mit so einer kleinen Gruppe die Tour anzutreten, wurden wir an einer Tankstelle in Alanya in einen großen Reisebus verfrachtet. Dieses große Gefährt sammelte dann noch in Mahmutlar und Obaköy kulturbeflissene Urlauber ein, bevor die eigentliche Fahrt begann.
Wir fuhren an dem Ufer des Akdeniz entlang. Der Sand- bzw. Kieselstrand war recht breit. Jedoch war der ufernahe Bereich bedeckt von schwarzen, schaftkantigen Steinplatten, ähnlich denen, die wir im Frühjahr in der Nähe vom Aska Baran gesehen hatten, sodaß es nur wenig Stellen gab, an denen die Strandurlauber gefahrlos ins Mittelmeer steigen konnten. Und abgesehen von der langen Transferzeit vom Flughafen bis hierher, war das nun wirklich nicht der Strand, den wir für unseren Urlaub haben wollten. Also konnten wir diese Gegend für einen Türkeiurlaub schon mal gänzlich streichen.
Die Fahrt bis Gazipaşa war nicht besonders aufregend. Außer Bananenplantagen gab es nichts Bemerkenswertes zu bestaunen. Am Ortsausgang von Gazipaşa machten wir die erste Rast. Der Wirt dieser Raststätte soll ja schließlich auch leben. Und außerdem gab es hier öffentliche Toiletten mit Waschgelegenheit. Aber dann begann das Abenteuer.
Über 400 Straßenkurven auf den nächsten 90 Kilometer bis Anamur. Immer auf der D400, die ursprünglich im Nordwesten bei Knidos, bzw. Datςa begann und bis nach Adana der Küstenlinie folgte. Hier, zwischen Gazipaşa und Anamur konnte man sie keinesfalls mehr als „Bundesstrasse“ bezeichnen. Trotzdem war es eine, aufgrund fehlender Eisenbahntrassen, viel befahrene Ost-West-Verbindung. Die schmale Teerstrasse folgte streng dem Küstenverlauf. Mal über einen Berg hinweg, mal am Ufer des Akdeniz entlang. Es ging hoch und runter. Links und rechts rum. Mal sahen wir tief unter uns das Meer, dann wieder steil aufragende Felsen über uns. Unser Fahrer hatte richtige Schwerstarbeit zu leisten. In jeder kleinen Bucht sahen wir Bauerngehöfte. Und jeder nur erdenkliche Platz wurde zum Anbau von Feldfrüchten genutzt. Überwiegend Bananen, deren Felder an den Hängen sogar terrassenförmig, ähnlich unseren Weinbergen an Ahr und Mosel, angelegt waren. Zweimal hielten wir an, um die Aussicht zu bewundern. Einmal unmittelbar an der Steilküste und einmal, um auf den Ort Ucari hinabzusehen.
Wir sahen zwei Ruinenstädte im Vorbeifahren. Kurz hinter Gazipaşa die Ruinenstadt Trainopolis, die auf der Rückfahrt noch bestaunen werden sollte sowie die alte Seeräuberburg Antiocheia ad Cragum. Durch Ortschaften fuhren wir nur dreimal: Zeytmada, Yakacik und Çamlipinaralani. Und als unser Reiseleiter erwähnte, dass jetzt nur noch 25 Kurven vor uns lagen, konnten wir Anamur auch schon sehen. Aber erst einmal bogen wir nach rechts von der Fernstrasse ab. Die alte Ruinenstadt Anamuryum sollte besichtigt werden. Und noch ein wichtiger Hinweis: Auf dieser Halbinsel befand sich der südlichste Zipfel der Türkei.
Der Bus hielt vor der Schranke und wir stiefelten los. Vorbei an der Nekropole, dem uralten Friedhof mit seinen vielen, zerstörten Grabstätten, hinüber zum Odeon. Hier konnte man tatsächlich noch viel Bausubstanz erkennen. Die Sitzreihen waren noch fast vollzählig, wie auch die Bühne. Unter den Sitzreihen verlief ein unterirdischer Gang mit schönen Steinmosaiken auf dem Fußboden. Auch Teile der Stadtmauer waren noch vollständig erhalten. Dagegen bestand das Theater nur noch aus Trümmern, denen man nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung ansah. In dem Badehaus des Stadtoberhauptes war noch ein Schwimmbecken mit Einstiegstreppen zu bewundern, selbst viele Bodenfliesen hatten die Jahrhunderte überdauert, aber von den Mauern standen nur noch Stummel wie in einem schlechten Gebiß.
Das öffentliche Badehaus dagegen war sehenswert. Die unterirdischen Kanäle für die Versorgung mit heißem Wasser waren teilweise freigelegt und gut sichtbar. Ich entdeckte Vertiefungen in Hüfthöhe, die sicherlich mal bronzene Waschbecken aufgenommen hatten. Teilweise waren sogar die Decken noch erhalten, sodaß Ornamente, schön behauene Fensterbrüstungen und Torbögen zu erkennen waren.
Der komplette Berg dieser Halbinsel barg noch eine Vielzahl an Relikten aus grauer Vorzeit, die wir allerdings aus Mangel an Zeit nicht mehr bewundern konnten, obwohl uns die vielen schwarzen Löcher in dem Ruinenfeld und die den Berg hinauf verlaufenen Mauern lockten. Daher bewunderten wir noch einmal den langen, bis Anamur verlaufenden, herrlichen Kies-/Sandstrand, der von keinem Hotelkomplex gesäumt wurde und nahmen Abschied von diesem historischen Ort.

 

ANAMURYUM

1 Friedhofskirche
2 Nekropole
3 oberes Aquädukt
4 unteres Aquädukt
5 Palästra
6 Seemauer
7 Kolonnadenstraße
8 Bäder
9 Stadtmauer
10 Theater
11 Odeon
12 Agora
13 Kirche

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Kurz hinter Anamur, direkt gegenüber dem Mamure Kalesi, der Kreuzritterburg, parkte unser Busfahrer ein. Jetzt sollte es erst einmal etwas zu essen geben. Das Essen sei im Fahrpreis enthalten. Nur die Getränke seien extra, so unser Reiseführer, der sich schwer tat mit der deutschen Sprache. Aber auch sein Englisch war nicht berauschend.
Jetzt kam der große Auftritt unserer Wirtin. Sie zeigte die noch rohen Fleischspeisen vor, welche zur besseren Darstellung mit den entsprechenden Beilagen auf einem mit Klarsichtfolie abgedeckten Teller angerichtet waren und versuchte, uns diese Angebote mit unterschiedlichsten Sprachbrocken zu erläutern.
Inek. Beaf, Kuh. – Muuh, muuh.“ Großes Gelächter. Nächster Teller:
Tavuk. Chicken. Huhn. – Tock, tock, tock.“ Noch mal Gelächter. Nächster Teller:
Balık. Fish. Fisch.“ Pause. Dann aber doch, nachdem alles gebannt wartete: „Blub, blub, blub.“
Allgemeines herzhaftes Lachen. Und in dieser lockeren Atmosphäre klappte die Bestellung reibungslos. Bis das warme Essen kam, konnten wir uns schon mal am Salatbuffet bedienen. Der ganze Ablauf war perfekt organisiert. Keine langen Wartezeiten und die servierten Speisen schmeckten auch vorzüglich. Es war das beste Essen, das wir bei einer Tagesreise je vorgesetzt bekamen.
Und nachdem alle Anwesenden einem dringenden Bedürfnis nachgekommen waren, sollten wir hinüber zur alten Kreuzritterburg gehen. Ich durchstöberte aber erst einmal die Ruine eines mindestens fünfhundert Jahre alten Hamams, den ich in unmittelbarer Nähe unserer Wirtschaft entdeckt hatten. Unser Reiseführer hatte trotz unseres Hinweises darauf kein Interesse, die ganze Mannschaft dorthin zu führen.
„Hat keinen Eingang.“ So sein Kommentar. So ein Blödsinn! Selbst ich Unkundiger fand den Zutritt sofort und stand in dem noch sehr gut erhaltenen türkischen Badehaus. Warum dieses nicht wieder hergerichtet wurde, blieb mir ein Rätsel.
Dann ging auch ich hinüber zur Mamure Kalesi. Unsere Reisegruppe war noch nicht weit gekommen, denn sie fütterte Süßwasserschildkröten, die in unzähligen Mengen den Burggraben bevölkerten. Erst als genügend Bilder geknipst waren, spazierten wir zum Innenhof der Burg. Hier gab unser Reiseleiter ein paar erklärende Worte ab und führte uns dann zu einer Moschee, die seiner Aussage nach während der osmanischen Zeit hier errichtet worden sei. Auch sei sie erst vor kurzem wieder restauriert worden. Hinein könnten wir nicht, aber durch die Fenster wäre auch alles gut sehen. Nach diesen Erklärungen ließ er uns allein in dieser riesigen, noch verhältnismäßig gut erhaltenen Burganlage zurück.
Und so liefen alle auseinander, kletterten über Steintreppen auf die Burgmauer, krabbelten über Schutthalden zu den ehemaligen Unterkünften, liefen auf den Mauern entlang und knipsten, was das Zeug hielt. Es gab aber auch viele schöne Perspektiven! Und die alte Kreuzritterburg war bis auf wenige Ausnahmen wirklich noch gut erhalten. Selbst die Mauern, die an das Meer grenzten, hatten bis heute Wind, Wetter und Wellen getrotzt.
Auf der kurvenreichen Rückfahrt hielten wir dann, wie versprochen, noch einmal bei den Ruinen von
Antiochia ad Cragum an. Hier erzählte uns der aus Zypern stammende Reiseführer noch einiges über das Alter der Stadt, über deren Bewohner während der einzelnen Epochen und noch ein paar Daten, die wir ihm so abnehmen mußten. Nachprüfen konnte ich es sowieso nicht mehr. Das Meisten von dem, was er uns erzählte, hatte ich schon bald wieder vergessen. Eine letzte Rast machten wir an der Strasse bei einem kleinen Marktstand. Hier sollten wir auf jeden Fall einmal die frischen Bananen probieren und kaufen. Und wie sooft machte der Händler wieder ein gutes Geschäft. Denn viele unserer Begleiter verstanden zwei-fünfzig als Euro. Ich dagegen richtigerweise als Lira.
In Alanya stiegen wir wieder in den Kleinbus um und waren pünktlich zum Abendessen im Hotel. Insgesamt war es ein Tagesausflug, der sein Geld wert gewesen war. Mir hatte es sehr gut gefallen. Und auch Helma sprach noch nach Tagen von dieser aufregenden Fahrt. Kein Wunder. In Holland gibt es ja kaum Berge und nur wenig Kurven! Nur eines hatte uns gestört: Die Klimaanlage des Busses. Sie ließ sich nicht regulieren. Entweder es war zu kalt, wenn sie eingeschaltet war und man bekam einen steifen Hals oder es herrschte eine höllische Hitze, wenn der Fahrer sie ausschaltete, sodaß einem der Wasser den A.... hinunterlief. Beides war nicht gerade erbaulich. Aber trotzdem: ein toller Tag!

 

MAMURE KALESI - die Kreuzritterburg

1 Bäder
2 Wassergraben
3 Osttor
4 Bauinschrift
5 Nordtor
6 Moschee
7 Magazine
8 Wohntürme und Tor
9 Zugang zur Oberburg
10 Oberburg

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© Heinz-Ulrich Hartung                         letzte Überarbeitung: 07.12.2015