Bisher

Erstbesucher

Jeep-Safari im Mai 2003 (von Camyuva aus)

Nach einem deftigen Frühstück begaben wir uns zu dem auf der anderen Strassenseite liegenden Reisebüro. Die Jeeps standen schon in Reihe und Glied. Wir wurden eingeteilt. Zu jedem Jeep zwei Pärchen. Jeder sollte in den Genuß kommen, mit diesem Gefährt durch die Botanik zu brettern. Erst einmal ließen wir dem anderen Pärchen den Vortritt. Nicht aus Rücksichtnahme. Ich wollte ans Steuer, wenn es richtig zur Sache ging. Somit saßen wir mit angezogenen Knien auf dem kaum vorhandenen Rücksitz eines Suzuki, der sich tapfer durch Geröllhalden, Wasserdurchfahrten und Wege die keine waren, wühlen sollte. Dies bekam ich sowie die Rückbank deutlich zu spüren. Ich insoweit, als daß ich mir ständig meinen Kopf und meine Knie am Faltdachgestänge anschlug, der Rücksitz seinerseits, indem ein Befestigungsscharnier brach.
Aber, unsere türkischen Gastgeber sind Koryphäen im Improvisieren, ein passender Holzklotz war schnell unter den Sitz geschoben, verkeilt und weiter ging es. Wir erreichten ein Bergbauerndorf mit kleinen, recht alten Häuschen und einer Moschee. Diese durften wir nach Anfrage betreten, nicht ohne vorher die Schuhe ausgezogen und die Frauen mit Kopftücher versorgt zu haben.
Der sehr gut deutsch sprechende Tourenleiter erklärte uns in dieser Moschee viel über die Religion, die Sitten und Gebräuche dieser Menschen und so manches Vorurteil wurde hier bereinigt. Recht nachdenklich verließen wir diese Stätte der Andacht, um ein Stück weiter ein Gartenlokal zu besuchen. Spätestens hier hatte uns die Realität wieder, denn die Preise für Getränke entsprachen der Höhe, in dem dieser Ort lag. Aber nur für türkische Verhältnisse. Für uns war es, wenn man es mit unseren heimischen Preisen verglich, preiswert. Die Stätte der Einkehr war primitiv und mit wenig Mitteln zu einer Raststätte umfunktioniert worden. Ein offener Anbau aus Holzlatten war mit Acrylplatten verkleidet. Der Getränkekühlschrank stand in der Ecke und eine große Resopalplatte diente den Wirtsleuten als Theke. Sitzgruppen, grob behauene Tische aus Holzbohlen sowie Sitzgelegenheiten aus halbierten Baumstämmen hatte der Eigentümer wohl selbst hergestellt. Über allem spannte sich eine aus Dachlatten gefertigte Dachkonstruktion, die mit Plastikfolie bezogen war. Etwas abseits gelegen befand sich eine gemauerte Toilette. Boden gefliest, mit einem Loch versehen. Und es gab in diesem kleinen Verschlag sogar ein Handwaschbecken mit fließendem, kaltem Wasser.
Der Durst war gelöscht und es ging weiter. Und wir gelangten nach etwa einer Stunde zu einer kleinen Ansiedlung mitten im Bergwald. Einige recht armselige Hütten, etliche Ziegen, Schafe und Hühner sowie eine ganze Menge Kinder begrüßten uns. Das Palaver lockte einige Erwachsene auf den Plan, die dieses Treiben etwas mißtrauisch beäugten. Aber recht freundlich lächelten, als unser Tourenführer die Lage erklärte hatte. Wir wurden eingeladen, Platz zu nehmen.
Wir saßen wenig später auf abgeschnittenen, niedrigen Baumstämmen im Kreise herum, wo wir für kurze Zeit unter uns waren. Diese Zeit nutzte unser Dolmetscher, Reiseführer und Fahrer in Personalunion, um uns zu erklären, bei wem wir zu Gast waren. Es handelte sich um Nomaden, die hier in dieser abgelegenen Ecke relativ seßhaft geworden waren. Sie leben vollkommen autark. Sie lebten von ihren Tieren und von Produkten des umliegenden Bergwaldes. Holz für den eigenen Bedarf durften sie sich kostenlos beschaffen, ansonsten hätten sie keinerlei Rechte oder Pflichten. Steuerabgaben gab es für sie nicht. Von was denn auch. Unser Tourenführer äußerte seine Zweifel, daß die Kinder, trotz allgemeiner Schulpflicht in eine Schule gingen. Insgesamt ginge es sehr rustikal zu und auch ihre Sprache hätte gewisse Eigenheiten, die nicht der amtlichen türkischen Sprache entsprächen.
Dann erschien die Hausherrin, bewaffnet mit Fladenbrot und Thymiantee. Sie bot uns diese Dinge mit einem freundlichen Lächeln an. Eine Ablehnung wäre als Affront empfunden worden. Mit den Händen riß sich jeder Gast ein Stück von diesen pfannkuchenartigen Fladen ab. Der Tee wurde heiß in kleinen, dünnen Gläsern serviert. Der Thymianzweig stak noch im Glas und färbte das Wasser grün. Über Geschmack soll und kann man nicht streiten, aber der Thymiantee schmeckte uns. Er war ganz simpel: heißes Wasser, Thymianzweig und ein Stück Würfelzucker.
Wir wurden von unserem Reiseführer noch darüber informiert, daß wir diesen freundlichen Leuten auf keinen Fall Geld anbieten durften. Dies wäre als Beleidigung ihrer Gastfreundschaft empfunden worden. Eine Möglichkeit, uns zu bedanken, gäbe es aber doch. Denn die angebotenen handgeschnitzten Holzlöffel und selbstgehäkelten Deckchen könnten gegen einen Obolus erworben werden. Wir nahmen Abschied. Nachdenklich. Mit Respekt. Uns war wieder einmal gezeigt worden, daß man trotz ärmlicher Situation zufrieden sein kann.
Wir stiegen wieder in unsere Folterwerkzeuge. Und weiter ging die Fahrt durch eine wildromantische Landschaft, mit Schwindel erregenden Passagen sowie über eine Holzbrücke, die noch von den Römern über die tiefe Schlucht erbaut sein könnte. Da wäre ich unter normalen Bedingungen noch nicht einmal allein darüber gelaufen. Aber unser Fährtensucher sprach uns Mut zu. Grundsätzlich hatten wir alles in allem aber noch Glück. Denn in den letzten Tagen hatte es leicht geregnet. Dadurch waren die naturbelassenen Pfade überhaupt nicht staubig.
Aber zurück zur Natur, die sich grandios darstellte. Oben die über 2500 Meter hohen, schneebedeckten Berggipfel des Taurusgebirges, auf denen noch jetzt im Mai Wintersport betrieben werden konnte und unten das Mittelmeer, in dem schon sonnenhungrige Urlauber planschten. Das war die Aussicht, die sich unseren Augen auf dem nächster Rastplatz, er lag in etwa 1500 Meter Höhe, bot. Dieser Anblick war eindrucksvoll. Trotz leichtem Schneetreiben und sehr kühler Temperatur.
Eine Stunde später erreichten wir ein großes Gartenlokal in einem der Bergdörfer. Auf dem Weg dorthin querten wir noch einen kleinen Fluß. Hier wurden wir fotografiert. Einmal bei der Hin- und ein zweites Mal bei der Rückfahrt. Somit war gewährleistet, daß jeder Fahrer auf den Film gebannt werden konnte. Aber nun war es Zeit für ein Mittagessen. Natürlich im Fahrpreis inbegriffen. Das Mahl bestand aus einer vorzüglichen, vor unseren Augen erschlagenen und dann auf dem Grill zubereiteten Forelle. Es war die beste Forelle, die ich jemals verzehrt hatte. Die Beilagen, Bauernsalat und „Ekmek“, paßten vorzüglich. Da die Getränke extra bezahlt werden mußten, schlug hier die Stunde des Wirtes und mir wurde schnell klar, warum die Forelle so gut gewürzt war. Sei’s drum, leben und leben lassen. Und ehrlich gesagt, für den Preis hätten wir in unserem Hotel höchstens ein Glas „Su“ (Wasser) bekommen.
Die Rückfahrt gestaltete sich etwas lustiger, Gestänge und Holzklotz wurden nicht mehr wahrgenommen, „Efes“ und Löwenmilch zeigten ihre Wirkung. Und daß bei einer gesetzlich vorgeschriebenen 0,0‰ – Grenze. Nach einer weiteren Stunde erreichten wir wieder den ersten Ort unserer Exkursion. Wieder hielten wir vor dem mit Plastikplanen überdachten Gartenlokal. Aber bevor wir Platz nehmen konnten, trieb uns unser Reiseleiter durch ein kleines Tal. Wir sollten uns die Reste einer alten Festung und noch ältere Platanen ansehen. Zumindest der Anblick der Bäume war überwältigend. Einer dieser Methusalems hatte nach meiner Schätzung einen Stammumfang von mindestens 20 Metern. Und sie standen alle in saftigem Grün. Die Anzeichen sprachen dafür, daß diese Baumriesen noch viele Menschenleben überdauern würden. Die Festungsruine aus der seldschukischen Zeit war weniger imposant. Zumal nur noch Reste von ein paar Außenmauern erkennbar waren. Außerdem hatten wir in der nahen Küstenregion bereits überall Ruinen entdeckt, um die sich niemand zu kümmern schien. In der Türkei hätten auch Hundertschaften von Ausgrabungsteams über mehrere Generationen hinweg genug zu tun. Egal, wo ein Besucher hintritt, er steht immer auf historischem Boden. Denn alle frühen Bewohner dieses Landes, Seldschuken, Osmanen, Frühchristen, Griechen, Römer, Byzantiner oder Armenier hatten ihre Spuren hinterlassen.
Im Gartenlokal, das in unseren Breiten bestimmt nicht so genannt werden würde, bekamen wir die Fotos unserer Flußquerung ausgehändigt. Der Fotograf wohnte sicherlich an der Küste. Er wußte, wieviel Euro er uns abknöpfen konnte. Für die Summe hätten wir in einem der vielen Andenkenläden mindestens 100 Ansichtskarten erstehen können.

Jeepsafari im Oktober 2005 (von Beldibi aus)

Pünktlich um neun Uhr standen zwei Jeeps vor unserem Hotel. Aber mit einem der Fahrzeuge gab es wohl ein paar Probleme, denn es wurde lautstark und hektisch telefoniert, während einer der Fahrer im Motorraum herumwerkelte. Irgend etwas war abgebrochen und mußte ausgetauscht werden. Und dieses Teil mußte erst noch beschafft werden. Daher verging mindestens eine halbe Stunde, bis wir endlich abfahren konnten. Da ich bereits Erfahrungen mit solch einem Gefährt gesammelt hatte, übernahm ich das Steuer für die ersten Kilometer. Aber erst einmal fuhren wir den Sammelplatz an einer der Tankstellen an. Wir waren wohl die letzten Rallyepiloten, denn kurz darauf brauste die Karawane auch schon los. Und ich sah zu, daß ich sofort hinter das Führungsfahrzeug kam. Ich wußte ja nicht, wie unsere Wege beschaffen waren. Und wenn es einigermaßen möglich war, wollte ich den restlichen Fahrern die Rallyetaufe, sprich Staubfahne, zukommen lassen. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!
Wir fuhren durch Aslanbucak, überquerten den Fluß nach Kuzdere und kamen auf die Strasse nach Gedelme. Hier kannte ich mich noch aus. Durch das enge Flußtal fuhren wir in Serpentinen die Teerstrasse entlang und gewannen immer mehr an Höhe. An ein, zwei Stellen hatten wir einen tollen Blick zur Küste und auf Camyuva. In Gedelme steuerten wir die Ruinen der “Kreuzritterburg“ an. Hier oben war inzwischen auch ein Nomaden-Zeltdorf aufgebaut, welches wir ohne Eintrittsgeld besichtigen konnten. Auch war inzwischen eine tiefe Höhle für Besucher hergerichtet. Dafür mußten wir aber 2 Euro pro Person Eintritt entrichten. Die Höhle war beleuchtet und durch Betontreppen (ohne Geländer) gut begehbar. Sie enthielt einige beeindruckende Tropfsteine. Im Winter dient sie wohl auch als Depot für Obst und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, leider aber auch als Müllkippe für vergammeltes Obst. Der Geruch war atemberaubend!
Dann ging die Fahrt auch schon weiter. Immer höher hinauf. meine Partnerin und ich hatten jetzt die rückwärtigen Plätze eingenommen und unserer Urlaubsbekanntschaft die Zügel überlassen. Es war sehr unbequem. Besonders für uns große Menschen. Aber da wir weiterhin an zweiter Position fuhren, mußten wir keinen Staub schlucken. Den Ort Ovacık vor Augen hielten wir abermals an, um das herrliche Panorama zu bewundern. An dieser Stelle, der höchste Punkt unserer Exkursion mit über 1300 Meter, befand sich auch ein hübsches Hotel mit Namen „Gül Mountain“. Für jemanden, der der höllischen Hitze im Sommer entfliehen möchte, ein erholsamer Platz. Jetzt im Oktober war es aber schon recht kühl. Selbst um die Mittagszeit herum. meine Partnerin hatte ihre gefütterte Jacke fest geschlossen und auch ich war froh, eine Strickjacke mitgenommen zu haben.
Wir bestaunten noch einmal das herrliche Panorama und den klaren Blick auf den 2.375 Meter hohen Tahtali, der von einigen kleinen Wolken, wie mit Wattebäuschchen verziert war und dann fuhren wir auch schon wieder los. Wieder mit mir am Steuer. Wir kurvten durch das Gelände. Mal über staubige Pisten, mal über Teerstraßen. Dabei fiel mir auf, daß die Anzahl an geteerten Wegen gegenüber unserem letzten Besuch zugenommen hatte. Dann ging es durch eine Furt irgendeines Flusses – immerhin hatten wir ja eine Jeep-Safari gebucht! Und gegen 14 Uhr steuerten wir den Gasthof an, der von der Forellenzucht (und Ausflüglern) lebte. Aber wer wollte, konnte auch Hühnerbeine bekommen. Eine Besichtigung der alten Dorfschule und der Moschee fand nicht statt. Diese Bauwerke hatten wir bei unserer letzten Jeep-Safari noch zu sehen bekommen. Sicherlich war unsere frühmorgendliche Verspätung an dieser Unterlassung schuld. Trotzdem hatte ich noch genügend Zeit, mir in dem dörflichen Kramerladen zwei Schachteln “leichte”, türkische Zigaretten zu kaufen. Es funktionierte auch ohne Fremdsprachenkenntnisse!
Wieder Fahrerwechsel und ein „Höllenritt“ quer durch die Berge nach Gedelme. Es war fast die gleiche Tour wie vor zwei Jahren. In Gedelme machten wir nun unterhalb der Burgruine Rast. An der gleichen Stelle wie vor 2 Jahren. Diese offene „Gaststätte“ hatte sich überhaupt nicht verändert. Obwohl doch inzwischen schon etliche Euro in die Kassen des Wirtes geflossen sein mußten. Immer noch roh behauene Tische und Bänke mit Plastiküberdachung. Auch die „Toiletten“ waren noch in gleichem, wenig ansehnlichen Zustand. Zumindest mußten die Frauen sich nicht setzen. Sie konnten es auch nicht. Ein Loch im Boden nahm alles entgegen. Aber Hände waschen war möglich.
Bei dem abschließenden Spaziergang fanden wir unterhalb der Burg die alten Platanen (800 Jahre?) wieder. Eine davon hatte einen Durchmesser von mindestens 8 Metern. “Pi mal Daumen” immerhin einen Umfang von etwa 25 Meter! Ich wirkte neben diesem Methusalem wie ein Zwerg. Ein weiteres Naturschauspiel sahen wir im Fels, direkt am Weg, der wieder zum Gartenlokal führte. Blühende Schneeglöckchen. Jetzt im Oktober! Was es nicht alles gibt! Die Türkei – ein Land voller Überraschungen.
Dann übernahm ich wieder das Steuer. Von nun an ging es bergab in Richtung Kemer. Selbstverständlich machten wir an der alten „Römerbrücke“ erneut Halt. Denn hier war die Schlucht wirklich sehenswert. Hier zeigte der Fluß auch noch weit außerhalb der Regenzeit seine Urwüchsigkeit. Und man konnte sich in den Fluten toll erfrischen. Zumindest im Hochsommer. Unterhalb der Brücke gab es ein Gartenlokal mit einer über den Flußlauf hinausragender hölzerner Terrasse, bestückt mit ebensolchen Tischen und Bänken. Die Preise für die Speisen und Getränke waren allerdings deftig. Selbst für uns „reiche“ Deutsche. Aber wenn man bedenkt, daß der Wirt sein “Lokal” jedes Jahr wieder neu aufbauen muß (im Winter starke Regenfälle und dementsprechend Hochwasser), sollte man diese Mühen auch honorieren.

Fazit: Jeder Türkeiurlauber sollte sich so eine Jeepsafari antun, sofern er nicht den Mut hat, mal mit einem Mietwagen die Berge (auf asphaltierten Strassen) zu erkunden. Die eindrucksvolle, ursprüngliche Landschaft und die liebenswerten Menschen im Hinterland entschädigten für viele schrille Begegnungen an der Küste. Aber ich befürchte, daß die Ungezwungenheit, mit der wir überall aufgenommen wurden, mit der Zeit verblassen wird. Es wird sicherlich immer kommerzieller. Denn Geld verdirbt bekanntlich den Charakter.

© Heinz-Ulrich Hartung                         letzte Überarbeitung: 07.12.2015